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Das Berner Projekt CinemAnalyse, initiiert 2006 zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud vom Sigmund-Freud-Zentrum Bern (FZB), vorerst in Zusammenarbeit mit den Quinnie Cinemas, ab 2007 mit dem Lichtspiel, plant etwa monatliche Vorführungen geeigneter, auch historisch wichtiger Filme verschiedenster Provenienz. Die Veranstaltungen unter Mitwirkung von Psychoanalytikern und Frau Dr. phil. Mechthild Heuser vom Bundesamt für Kultur, mit Kurzeinführung und Schlussdiskussion im Kino, finden jeweils donnerstags ab 20.00 (Bar ab 19.00) im Lichtspiel, Sandrainstrasse 3, 3007 Bern (Dachstock Haus des Films, neben Dampfzentrale), statt und sind öffentlich; Eintritt individuell. Die Projektdauer hängt vom Publikumsinteresse ab.
Auf dieser Seite finden Sie das aktuelle Programm.
Ein für die Druckausgabe optimierter Flyer (PDF, 278 KB) kann hier heruntergeladen werden.
Für die Programme vergangener Jahre beachten Sie bitte das Archiv.
Viel Vergnügen!
Dr. med. Alexander Wildbolz, Ausbildungsanalytiker der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse am Sigmund-Freud-Zetrum Bern |
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Der müde Tod von Fritz Lang (1921)
Stummfilm – musikalische Livebegleitung von Christian Henking
Der Tod, eine expressionistische Gestalt in
Künstlermantel und -hut, ist seines Geschäfts
so müde, dass die junge Frau ihn
leicht überredet: Sie darf ihren toten Geliebten
wiedersehen, wenn sie ein anderes
Leben retten kann. Ihre drei Versuche – märchenhaft üppig in Szene gesetzt – führen sie in den Orient, ins alte Venedig
und ins kaiserliche China, doch keinen der
dort je drohenden, gewaltsamen Tode
kann sie verhindern. Erst mit einem
spontanen, selbstbestimmten Opfer
erfüllt sich der Wunsch.
Donnerstag, 31. Januar 2013 |
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Miracolo a Milano von Vittorio de Sica (1950)
Am Stadtrand von Mailand lebt der gutherzige
Totò, der mit Hilfe einer Taube
Wunder vollbringen kann. Er schützt die
Armen vor der Polizei und erfüllt ihnen
allerlei Wünsche, auch recht unsinnige. In
einer der phantastischsten Szenen heben
die Armen auf Strassenkehrbesen ab und
entschwinden über den Dächern von Mailand
in den Himmel ...
De Sica gelang ein anrührendes Meisterwerk,
dessen märchenhafte Züge den
Neorealismus überwanden und das in
Cannes mit der Goldenen Palme prämiert
wurde.
Donnerstag, 21. Februar 2013 |
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Le charme discret de la bourgeoisie von Luis Buñuel (1972)
Eine Gruppe wohlhabender, kultivierter
Menschen treffen sich zum gemeinsamen
Nachtessen, welches jedoch durch seltsame
Umstände immer wieder vereitelt
wird. Sei es, dass man sich im Tag geirrt
hat, dass der Restaurantbesitzer stirbt
oder dass sich die Geladenen plötzlich
auf einer Bühne finden. In eingespielten
Traumsequenzen wird das wahre Sein der
Gäste widerspiegelt, welches in klarem
Kontrast zu ihren oberflächlichen Handlungen
steht. Einmal mehr gerät die Welt
der Bourgeoisie in dieser bissigen Gesellschaftssatire
Buñuels aus den Fugen.
Donnerstag, 28. März 2013 |
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L'Année Dernière à Marienbad von Alain Resnais (1961)
Ein Mann und eine Frau treffen sich in
einem prunkvollen Barockschloss. Er
versucht sie davon zu überzeugen, dass
sie sich ein Jahr zuvor hier verabredet
haben, um zusammen ein neues Leben zu
beginnen. In bruchstückhaften Erinnerungen
beschwört er ihre gemeinsame Vergangenheit,
doch die Frau kann sich an
nichts erinnern.
Inspiriert vom Nouveau Roman verwebt
Alain Resnais kunstvoll die Zeit- und
Realitätsebenen zu doppeldeutigen,
labyrinthartigen Szenerien von faszinierender
Bildkraft.
Donnerstag, 25. April 2013 |
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Teorema von Pier Paolo Pasolini (1968)
Ein seltsamer Gast erscheint im Haus
einer wohlhabenden Industriellenfamilie
und durchbricht deren Alltagsmonotonie.
Mit seinem Charme verführt
er jedes Mitglied der Familie
und weckt verborgene Gefühle in
ihnen. Intensiv, kurz und heftig beginnt
sich ein jeder mit sich selbst
auseinander zu setzen und kommt
mit seinen tiefsten Sehnsüchten und
Unzulänglichkeiten in Berührung.
Einmal mehr zerstückelt Pasolini in
seinem Film die bürgerlichen Lebenswerte.
Donnerstag, 30. Mai 2013 |
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La Cité des Enfants Perdus von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro (1995)
Auf einer ausrangierten Plattform im
Meer haust Krank mit seinen geklonten
Brüdern, Mademoiselle
Bismuth und Irvin, dem Gehirn.
Krank altert rasend schnell, weil er
nicht träumen kann. Unterstützt von
den Zyklopen entführt er die Kinder
aus der Hafenstadt, um sich ihre
Träume einzuverleiben. Doch als er
das Baby Denrée enführt, machen
sich der unglaublich starke One und
der neunjährige Miette auf die
Suche. Ein phantasievolles Märchen
voller skurriler Überraschungen und
eindrücklicher digitaler Effekte.
Donnerstag, 27. Juni 2013 |
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The Science of Sleep von Michel Gondry (2006)
Stéphane ist mit einer regen Phantasie
gesegnet, stets droht seine
exaltierte Traumwelt aufs wirkliche
Leben überzugreifen. In der attraktiven
Stéphanie findet er seine
Traumfrau – ihre Einbildungskraft
entspricht auch der seinen, und nur
in seiner eigenen Traumwelt hat er
den Mut und die Kraft, Stéphanie zu
entzücken. Im wahren Leben bleibt
er der schüchterne und introvertierte
Einzelgänger. Doch schliesslich hilft
ihm seine Phantasie dabei, auch in der
Realität das zu tun, wovon er schon
so lange träumt.
Donnerstag, 31. Oktober 2013 |
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The Imaginarium of Dr. Parnassus von Terry Gilliam (2009)
Dr. Parnassus besitzt die aussergewöhnliche
Gabe, Menschen mittels
eines magischen Spiegels in ein
Universum unbegrenzter Phantasien
eintreten zu lassen. Er wird jedoch
von einem dunklen Geheimnis verfolgt:
Für seine Unsterblichkeit hat
er dem Teufel seine hinreissende
Tochter Valentina als Gegenleistung
versprochen.
Mit dem Kampf um Valentinas
Schicksal beginnt eine aufregende
Reise in eine surreale und berauschende
Welt voller Wunder und
Verlockungen.
Donnerstag, 28. November 2013 |
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Midnight in Paris von Woody Allen (2011)
Der erfolgreiche Drehbuchautor Gil
begleitet seine Verlobte auf einer
Reise nach Paris. Er hofft, hier die
Inspiration zu seinem ersten Roman
zu finden und seinen Schreibstau zu überwinden. Bei seinen nächtlichen
Wanderungen durch die Strassen der
Metropole gelangt Gil auf mysteriöse
Weise ins Paris der 1920er Jahre
und trifft dort auf die legendäre
Künstlerclique der Zeit. Woody Allen
entfaltet mit dieser faszinierenden
Zeitreise einen Wunschtraum, den
auch das Publikum mit Vergnügen
durchstreift.
Donnerstag, 12. Dezember 2013 |
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1895 gilt als das Geburtsjahr der Psychoanalyse wie auch des Films. Sigmund Freud (1856 – 1939) veröffentlichte in diesem Jahr in Wien seine «Studien über Hysterie», und in Paris liessen die Brüder Auguste und Louis Lumière den ersten, in Zusammenarbeit mit dem Ingenieur Jules Carpentier hergestellten Cinematographen patentieren. Freud selbst, dessen Leben und Werk in der Folge wiederholt verfilmt wurde, stand dem neuen Medium Film skeptisch gegenüber, im Unterschied zu seinen Schülern der ersten Stunde Karl Abraham, Hanns Sachs und Otto Rank.
Mittlerweile hat der Film längst das Interesse der Psychoanalytiker gefunden, weil er trotz einiger Unterschiede zur Psychoanalyse mit ihr vieles gemeinsam hat. Beim Film fehlt, was interaktiv vom Patienten kommt (z.B. Assoziationen und Übertragungen), und das Bild dominiert die Sprache. Freud («Das Ich und das Es», 1923) sagt über das Denken in Bildern: «Es steht … irgendwie den unbewussten Vorgängen näher als das Denken in Worten und ist unzweifelhaft onto- wie auch phylogenetisch älter als dieses.» Das Gemeinsame überwiegt jedoch, was wohl im Bereich der Phänomene der Traumdeutung, aber nicht nur dort, am deutlichsten wird. Es entstand eine eigentliche psychoanalytische Filmliteratur, die explosionsartig zunimmt.
Glen O. Gabbard sagt in seinem Buch («Psychoanalysis and Film», 2001), dass seit den 1950er Jahren Psychoanalytiker die psychologische Betrachtung der Filmkunst für ebenso fruchtbar halten wie Freuds Anwendung psychoanalytischen Denkens auf literarische Werke. Er weist in den verschiedensten Zeitschriften («Cahiers du Cinéma» in Frankreich, «Screen» in England, «Camera Obscura» und «Discourse» in den USA) auf die Fülle psychoanalytischer Filmbesprechungen hin. Seit 1997 publiziert das «International Journal of Psychoanalysis», gegründet 1920 von Ernest Jones in London unter der Leitung von Freud, auch psychoanalytische Filmbesprechungen. Ein bedeutender europäischer Exponent psychoanalytischer Filmliteratur ist Andrea Sabbadini. Er betont in seinen Werken («The Couch and the Silver Screen», 2003; «Projected Shadows», 2007) die Wichtigkeit des interdisziplinären Austauschs zwischen Filmemachern und Analytikern, und gründete in London das Europäische Psychoanalytische Film-Festival. Im deutschsprachigen Bereich definierte Mechthild Zeul bereits 1994 als psychoanalytisch nur jene Filmtheorie, die von der Freud’schen Version der Psychoanalyse ausgeht und von Psychoanalytikern unter Berücksichtigung – neben inhaltlicher – auch formaler Elemente selber formuliert wird. Originelle aktuelle Beiträge verdanken wir u.a. Gerhard Schneider mit seiner Idee der generativen Wirkung des Films, sowie Ralf Zwiebel und Annegret Mahler-Bungers, für die psychoanalytische Filminterpretation ein triadischer Prozess ist, den sie anhand der filmspezifischen Begriffe Einstellung, Darstellung und Vorstellung definieren.
CinemAnalyse 2013 ist Traum und Wirklichkeit gewidmet. Dieses Thema hat seit
Sigmund Freuds als Jahrhundertwerk apostrophierter Arbeit «Die Traumdeutung» (1900) nichts von seiner Faszination verloren. Aufgespannt zwischen Traum und
Wirklichkeit sind wir Grenzgänger zweier Welten, zwischen Gefühl und Verstand, Unbewusstem und Bewusstsein, Bild und Wort. Wir sind nicht einmal Herr im
eigenen Haus. Mit diesem berühmten Satz meint Freud das ständige Einfliessen
des Unbewussten in unser bewusstes Denken und Handeln, was er als psychologische
dritte Kränkung der Menschheit bezeichnet – nach der ersten astronomischen
(die Erde ist nicht im Zentrum des Universums) und der zweiten darwinschen
(der Mensch ist nicht eine eigene Schöpfung Gottes). Im Unbewussten
herrscht der Primärprozess, die Energie ist ungebunden, im Unterschied zum
Bewusstsein, das durch den Sekundärprozess gekennzeichnet ist – André Green
weist auf die Wichtigkeit der Mobilität dazwischen hin, was er als Tertiärprozess
bezeichnet. Getrieben vom Trieb im Es nach dem Lustprinzip, werden wir gezügelt
durch das Realitätsprinzip im Ich. «Das Realitätsprinzip ist eine Beleidigung!», sagt
Donald Woods Winnicott, dessen Verständnis des kreativen Spiels von der
modernen Psychoanalyse aufgenommen wird. Michael Parsons unterstreicht,
dass die Funktion des psychoanalytischen Spielrahmens die Schaffung und
Bewahrung einer paradoxen Realität ist – Übertragung wie Gegenübertragung
sind nur operativ, weil sie real und irreal zugleich sind. Die Bedeutung des
Spielerischen, Träumerischen in der täglichen analytischen Arbeit wird betont
von Wilfred Rupert Bion mit seinem abstrakten Begriff der «Alphafunktion», womit
er eine träumerische Bewusstseinsfähigkeit meint. Thomas Ogden spricht von
«talking-as-dreaming». Und Christopher Bollas findet, dass man träumen muss,
um mit sich selbst und dem andern zu kommunizieren. Nach Jean Claude
Rolland kommen wir vom Bild her, sind wir Seher an unserem Anfang, müssen
aber zum Wort finden, weil uns sonst der Zugang zur Realität verschlossen ist – dabei bleibt uns das Phantasieren eine alt vertraute Vorstellungsaktivität, die
sich, wie er schön sagt, im «Halbschatten des Spiels, des Traums, der Träumerei»,
des Symptoms und der ästhetischen Realisierung entfaltet und unsere geheimsten
Wünsche erfüllt. Rollands Schriften sind ein gutes Beispiel für die
Poesie zeitgenössischer psychoanalytischer Texte.
Was verbindet grenzerweiternd diese mit so vielen verschiedenen Begriffen
beschreibbaren beiden Welten? Ich denke, am natürlichsten tun dies die Künste,
auf welche sich die Psychoanalyse seit ihren Anfängen immer wieder beruft. Überlassen wir uns also der jüngsten Kunst, derjenigen des Films – viel
Vergnügen! |
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